Der CO₂-Fußabdruck von Streaming, E-Mails und KI — kleiner als du gehört hast
Kaum ein Fußabdruck-Thema zieht mehr schlechte Zahlen an als das digitale. Eine virale Behauptung von 2020 bezifferte eine Stunde Netflix auf 1,6 kg CO₂; der echte Wert liegt — nachdem die IEA und Carbon Brief die Rechnung korrigiert hatten — eher bei 36–55 Gramm, also rund 30-mal niedriger. Digitale Fußabdrücke sind real, aber die ehrliche Version ist deutlich kleiner als die gruselige.
Belegte Zahlen pro Nutzung
Grobe Größenordnungen (sie schwanken mit Gerät, Netz und Strommix — in Deutschland sind es derzeit grob 380 g CO₂ pro kWh, Tendenz sinkend):
- Eine Stunde Videostreaming: im Schnitt ~36–55 g CO₂ — ungefähr so viel wie ein paarmal den Wasserkocher anwerfen. Auf dem Handy über WLAN ist es deutlich weniger als am großen Fernseher; der Bildschirm ist meist der größte Posten, nicht die Daten.
- Eine E-Mail: ~0,3–4 g, je nach Anhang. Der berühmte Rat „schick weniger E-Mails” spart Gramm.
- Eine einzelne KI-Chatbot-Anfrage: nach aktuellen Schätzungen sehr grob 2–5 g — klein pro Anfrage, summiert sich aber bei Milliarden Anfragen und steigt mit wachsenden Modellen.
- Ein Jahr typisches Heim-Internet plus Streaming: einige Dutzend Kilogramm — real, aber ein Rundungsfehler neben einem einzigen Flug.
Wo die echte Sorge hingehört
Die Zahlen pro Nutzung sind klein, aber zwei Dinge verdienen ernsthafte Aufmerksamkeit:
- Das Wachstum der Rechenzentren. Rechenzentren machen heute grob 1–1,5 % des weltweiten Stroms aus, und KI treibt das schnell nach oben. (Krypto-Mining ist ein eigener Posten in Landesgröße — siehe Bitcoins Fußabdruck.) Die Systemfrage — wie schnell dieser Strom dekarbonisiert — zählt weit mehr als die eine E-Mail, die du weniger schickst.
- Hardware, nicht Daten. Die Herstellung von Handy, Laptop oder Fernseher übersteigt meist die Energie ihrer Nutzung. Ein Gerät zwei Jahre länger zu behalten schlägt fast jeden Nutzungs-Trick.
Das ehrliche Fazit
Autoplay abzuschalten rettet das Klima nicht, und „Digital Detox für den Planeten” ist meistens nicht da, wo die Tonnen sind. Dein Streaming-Jahr misst sich in Kilogramm; deine Flüge, dein Auto und deine Heizung messen sich in Tonnen. Der nützliche digitale Hebel ist: weniger Hardware kaufen und sie länger behalten — das Nutzen ist billig, das Herstellen nicht. Für alles andere lohnt sich die Aufmerksamkeit bei den großen vier Bereichen.
Quellen: International Energy Agency, „The carbon footprint of streaming video: fact-checking the headlines”; Carbon-Brief-Analyse der Streaming-Schätzungen; IEA-Schätzungen zum Stromverbrauch von Rechenzentren.